Neugier auf Leogold

Gab es einen guten Grund, noch einmal in die Braunschweiger Rösterei Leogold zu fahren? Der erste Besuch im letzten Jahr war eine pappige Enttäuschung, als der Espresso tatsächlich im Pappbecher serviert wurde. Der gute Grund heißt Neugier. Die ist wohl so stark ausgeprägt, dass sie auch Frustrationen abhaken kann und einen neuen Versuch startet. Bleibt noch die Frage: Neugier für mehr Wissen? Neugier auf Erfahrung? Gibt es am Ende auch eine Sammlerneugier?

Lange Rede, kurzer Sinn: Die Lust auf den Zweitbesuch hat sich – auch angetrieben von den außergewöhnlichen Bildern auf der Homepage – gelohnt. Die Rösterei in einem alten, schmucklosen Gewerbegebäude ist jetzt fertig eingerichtet. Und es gibt natürlich Porzellan, inklusive einer Tasse für meine Sammlung.

Hauskaffee

Als Hauskaffee gab es als erstes einen Blend Espresso Mild, der für meinen Geschmack allerdings enttäuschend war. Die Crema (4 von 5 Punkte) war zwar ordentlich, die Bohnen waren allerdings dunkel geröstet und hinterließen nicht viel Erlebnis im Mund. Der zweite Hausespresso, Blend Espresso Kräftig, kam mit einer schwächeren Crema daher, war aber geschmacklich eher meine Linie.

Seltsamerweise kam er bei mir daheim deutlich besser aus dem Siebträger. Obwohl ich nicht mit deutscher Gründlichkeit und Prozesspräzision die Zubereitung kultiviere. Ich schütte einfach die Bohnen in die Mühle, schaue mir – ohne Waage oder Stoppuhr – das Ergebnis in der Tasse an und spiele dann am Mahlgrad rum. Und siehe da: Eine feine, volumige Crema rinnt in die Tasse und belohnt so meine Neugier wie ein Stimmungsaufheller. Mit dieser Konstitution probiere ich und stelle genussvoll fest: schön kräftig, angenehm dunkel mit erdigem Geschmack. Leogold gibt die Herkunft mit Brasilien, Indien, Guatemala, Kolumbien und Kenia an mit einem Arabica-Anteil von 75 Prozent. Wäre ich auf der Suche nach einem Hauskaffee, käme er durchaus in die engere Auswahl.

Zwischenstopp in Halle

Der Vollständigkeit halber sei noch erwähnt, dass ich auf dem Weg noch in Halle an der Saale angehalten habe. Endlich hatte die Kaffeerösterei am alten Markt zu meinen Reisezeiten mal offen. Und ehrlich gesagt: Der Zusatz `am alten Markt´ hat durchaus meine Neugier und Phantasie beflügelt. Die Stadtarchitektur war in meiner Erinnerung als auffällig und interessant abgespeichert.

Die Kaffeerösterei am alten Markt in schönen Halle an der Saale

Mein Besuch war allerdings eine Enttäuschung. Na gut, das Ambiente ist tatsächlich Geschmackssache, das hätte man in jedem Fall mit einem spannenden Espresso ausbügeln können. Auch wenn auf der Homepage von „und plantagenreinen Kaffee garantieren den Kaffeegenuss in allen Lebenslagen“ die Rede ist – ich konnte davon nicht viel entdecken. Wohlwollend habe ich dem Cremaansatz 2 Punkte gegeben – weil: schlechter geht immer. Für das dunkle Getränk in der kleinen Tasse hatte ich allerdings auch nur 2 Punkte übrig. Mir kam es verbrannt und schwarz geröstet vor. Für Menschen hinter der Theke vergebe ich keine Punkte – an solchen Tagen weiß ich auch, warum. Aber – ganz – vielleicht treibt mich ja die Neugier noch einmal hin.

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Rocinante Espresso von Quichote

Aaahhhh. Schon als der Espresso volumig aus dem Siegträger rinnt, ist die Freude groß. Die Crema ist üppig und haselnussbraun marmoriert und löst bei mir Freude aus. Und dass, obwohl neulich im Magazin Crema zu lesen war, dass die Crema beim Espresso tendenziell überbewertet ist. Subjektiv kann ich diese optische und sensorische Komponente nicht außer Acht lassen.

Ach ja, der Rocinante Espresso von den Hamburger Röstern Quijote. Der Espresso schmeckt dunkel und schokoladig und macht einfach zufrieden. Ich vergebe auf der fünfteiligen Skala für Crema und Geschmack zweimal die Bestnote. Und ich freue mich darüber, dass mir jemand die Bohnen aus Hamburg mitgebracht hat.

Neu von Quichote aus Hamburg: Rocinante. Probieren lohnt sich.

Röster-Info

Auch wenn landläufig Robusta-Varietäten als günstige Auffüllmaterial gelten, um die tendenziell teureren Arabicas zu sparen – einmal mehr zeigen die Hamburger, dass sie auch mit Robusta-Blends ein gutes Endprodukt kreieren können. Beim Rocinante sind laut Quichote 60 Prozent gewaschener Arabica aus Peru – von der Cooperative Cenfrovafe. 40 Prozent kommen laut Etikett als gewaschener Robusta aus Ecuador von der Kooperative Asosumaco.

Beide Kooperativen sagen mir auf Anhieb nichts, aber grundsätzlich ist diese Zusatzinformation immer zu begrüßen. Sie erhöht immer die Produkttransparenz und wenn man es mal genau wissen will, kann man sich mal mit der Google-Alternative Startpage.de oder Qwant.com sich im Internet auf die Suche begeben.

Es muss ja nicht gleich eine Lebensmittel-Ampel sein. Produktinfos finde ich aber immer hilfreich.

Transparenz

Ich hatte es wohl früher schon mal erwähnt. Quichote fällt immer wieder in diesem Bereich als vorbildlich auf. Mit ist kein anderer Röster bekannt, der so beherzt die internen Karten auf den Tisch legt. Unter der Rubrik Transparenz werden Röstprofile, Einkaufspreise und Kalkulationen und Ähnliches veröffentlicht. Selbst für Rabatte muss man nicht im Hinterzimmer schachern, sondern man schaut einfach auf die Rabattstaffel für z.B. Webshopeinkäufe.

Ich selbst bin da außen vor. Dann angesichts der Vielfalt an Bohnen bleibe ich dabei: maximal ein Kilo je Bohne. Der einzige Nachteil dabei: Man ist auch vor negativen Überraschungen nicht gefeit. Außerdem beschleicht mit bei der wachsenden Röstergemeinde das Gefühl, dass der Bohnenberg vor mir nicht kleiner sondern größer wird.

29.03.2019

Gute Frage: Wieso denn Kassel?

In den Hinterzimmern meines Gehirns hat sich das Vorurteil von Kasel mit der langweiligsten Innenstadt Deutschlands festgesetzt. Dazu kommt noch die leichte Verkrampfung bei den Kasseler Bergen, um rechtzeitig auf der Autobahn vor dem Blitzer das Tempo anzupassen. Subjektiv keine gute Ausgangslage, um nach gut 30 Jahren mal wieder die 200.000 Einwohnerstadt zu besuchen.

Die Kaffeerösterin

Am Ende wird es nur ein Aufenthalt von nicht einmal einer Handvoll Stunden. Bei der Gelegenheit habe ich bei der Kaffeerösterin vorbeigeschaut. Aus Gendersicht ist das durchaus auffallend, Frauen allein an der Spitze von Röstereien finden sich meiner Erfahrung zufolge nicht so häufig. Auf Anhieb fällt mir jedenfalls keine andere ein.  

Die Kaffeerösterin in Kassel

Mit dem Espresso im Ausschank, die Sorte habe ich leider vergessen, war ich nicht so glücklich. Notiert hatte ich mir dünn und leicht. Wesentlich mehr Freude hatte ich mit dem Indien Monsooned Malabar, eine Region, mit der ich häufig auf meine Kosten komme. Die Kaffeerösterin empfahl mit die Arabica-Varietät Bourbon aus der Region Cochin. Der Espresso kam volumig auf dem Siebträger mit einer haselnussbraunen Crema, fein und ziemlich stabil. Im Mund war Säure war kaum zu entdecken, dafür schmeckte er kräftig und angenehm italienisch. Die zweite Arabica-Sorte kam aus dem indonesischen Sumatra und lies sich mit einer dunklen und feinen Crema zubereiten. Geschmacklich gab es eine ganz leichte Fruchtnote, insgesamt dunkel geröstet, aber im Mundgefühl etwas kurz.

Seegert

Für das Cafe der Kaffeerösterei Seegert war auch noch Zeit. Seltsamerweise habe ich hier eine ähnliche Erfahrung gemacht. Der Espresso in den schönen Cafe hat mich nicht überzeugt, die Bohnen daheim – insbesondere Friedrich II – waren deutlich imposanter.

Das Röstercafe von Seegert in Kassel
Blick in den Rösterbereich von Seegert

Sammler on Tour

Der eigentliche Grund für den kurzen Kassel-Ausflug. Entgegen meiner persönlichen Sammlerdoktrin bei Espressotassen, mich auf selbst entdeckte und genutzte Exemplare zu beschränken, habe ich mir erstmals fremdgesammelte Bestände einverleibt. Da waren einige Stücke dabei, die ich wahrscheinlich anders nicht bekommen hätte.

2019.02

Ein Puzzlespiel bei den Neuzugängen für meine Sammlung
2019.02
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Morgen Kiiiiinder, wird es etwas geheebeen…

Weihnachtszeit für Espressofreunde sind eine harte Zeit. Viele Röstereien haben sich in die Ferien verabschiedet und lassen ihren Laden einfach dicht. Das ist wahrscheinlich gerechtfertigt, für potenzielle Besucher, die an der verschlossenen Tür rütteln, allerdings schade.

Stade Zeit

In Bayern spricht man gern von der staden Zeit, also einer stillen, adventlichen Weihnachtszeit. Die lässt sich allerdings kompensieren. Beispielsweise gehört eine Espressotasse fast schon traditionell zum Christbaumschmuck. Sie ist vielleicht ein bisschen kitschig und hängt daher etwas abseits am Baum ganz unten. Gleichzeitig stellt sie aber klar: Auch Weihnachten und Espresso gehören zusammen.

Ohne diesen Baumschmuck geht es nicht….

Bescherung

Geschenke auspacken bleibt für Groß und Klein eine schöne Geschichte. Manche werden sagen, Bohnen untern Weihnachtsbaum sind etwas langweilig. Ich bin jedes Mal begeistert, weil die Vielfalt an Espressobohnen so riesig ist, dass die Zeit wohl bis zum Lebensende nicht ausreicht, Länder, Regionen und interessante Blends auch nur ansatzweise zu „ertrinken“. Auch für das kommende Jahr gilt die Prämisse, keine Sorte ein zweites Mal zu kaufen. So komme ich im Durchschnitt auf gut 50 verschiedene Röstungen im Jahr. Haushaltstechnisch gibt es daher zwei Mühlen, eine mit einem Klassiker, der das ganze Jahr gekauft wird und meine Experimentiermühle, die gute jede Woche mit anderen Espressobohnen befüllt und justiert wird.

Außerdem ist mir tatsächlich vor Kurzem eine Tasse aus dem Sammlungsregal gefallen – ohne mein zutun und ohne erkennbaren Einfluss. Die Haciendo-Tasse des Hamburger Röster habe ist tatsächlich neu geschenkt bekommen.

Schließt eine „Unfall-Lücke in meiner Tassensammlung…

Außerdem habe ich die Schwarte „Kaffeeliebe“ geschenkt bekommen, die am Beispiel der Münsteraner roestbar ziemlich umfassend und teils schön bebildert die Welt von Kaffee und Espresso entlang der Münsteraner Pionier-Röstern einfängt. Schöne stade Zeit, weil man gleich mit dem Blättern und Lesen anfangen kann.

 

Noch mehr Bescherung

Also eine schöne Bescherung. Umso mehr lässt sich bei einem Espresso über die Welt staunen. In der Tasse befindet sich eine Mischung der fairen Handelsorganisation Gepa, Ankole aus Uganda in Bio-Qualität. Vieles aus dem Haus, was ich bisher probiert hatte, war zwar fair und bio, aber das gute Gewissen konnte nicht über ein enttäuschendes Geschmackserlebnis hinwegtäuschen. Hier bekommt die haselnussbraune Crema 4 von 5 Punkten, auch der Geschmack schneidet so ab.

Zufällig entdeckt und zufrieden genossen: Ankole aus Uganda von Gepa

Aber zurück zum Staunen. Mit so einem Espresso in der Hand, ist es überraschend, dass es in der vermeintlich staden Zeit ziemlich hoch her geht. Europaweit soll es die meisten Herzinfarkte zu Weihnachten geben. Wer nicht selbst vor Stress kollabiert, zofft wohl mit seinen Angehörigen. Kirchliche und soziale Krisendienste können ein Lied davon singen, was „Mach hoch die Tür, die Tor mach weit“ für sie bedeutet. Ihre Angebote werden von streitenden oder einsamen Menschen geradezu überlaufen. Da lobe ich mir den friedlichen Genuss des Espresso, auch wenn es sich für manche politische Kräfte wohl um ein Migrationsgetränk handelt: Einfach eine schöne Bescherung.

Espressolab marschiert in Nürnberg auf

Das Espressolab Germany in der Nürnberger Schillerstraße

An einem Samstagvormittag ein paar Wochen nach Eröffnung ins Nürnberger Espressolab? Keine gute Idee, denn der riesige Laden ist gerammelt voll, Direktor Özgür Cam rotiert, um nachströmenden Gästen noch einen Platz anzubieten und dem Team im Vorbeigehen noch Anweisungen zuzurufen. Als Notbehelf wird sogar die durch eine Glastür getrennte Schaurösterei geöffnet, um weiteren Platz zu schaffen. Vielleicht hatten alle den Artikel Espressolab Im alten Malzlager Cappuccino trinken der Nürnberger Nachrichten gelesen.

Die Schatzkammer bzw. das großzügige Rösterherz des Espressolab

 

Serviert im Espressolab

Leider bekomme ich von der gestressten Bedienung nur die Auskunft, dass es zwei Espressosorten im Ausschank gibt. Welcher Herkunft ist allerdings nicht zu erfahren. Ich ordere trotzdem beide plus Cappuccino und einen leckeren Kuchen aus der Auslage, der allerdings in dem Gewusel nicht den Weg zu uns findet. Egal, ich werde mir demnächst mal einen Zeitpunkt suchen, wo weniger los ist und man den Espresso noch einmal im Ruhe probieren und genießen kann.

Daheim ist auch schön

Überzeugt war ich beim ersten Besuch nicht, beide Espressi sind sehr, sehr fruchtbetont und für meinen Geschmack hart an der Grenze zum Sauren. Ich habe mir trotzdem alle drei Sorten mitgenommen, den Yirgacheffe Wediga Blue, die Mischung Blend Nr. 2 mit einem Brasilianer als Basis und einen Finca Las Mercedes aus El Salvador. Mit allen drei Sorten war ich zufriedener als gedacht, sie haben auch – gefühlt – besser geschmeckt als vor Ort.

Für daheim: auch nicht schlecht

Schicker Standort vom Espressolab Germany

Der Standort allerdings ist äußerst eindrucksvoll. Ich habe bei meinen vielen Espressotouren noch keinen Röster gesehen, der in dieser Größenordnung mit einem so stimmigen Einrichtungskonzept an den Start geht. Der imposante Backsteinbau ist das ehemalige Malzlager einer Brauerei. Auf dem Areal sind Wohnung an Wohnung neu entstanden, das Lager ordentlich erhalten und saniert. Da wurde ordentlich Geld in die Hand genommen.

Blick ins Nürnberger Espressolab

Dass das Nürnberger Espressolab keine eigene Homepage hat, sondern anscheinend nur über Facebook – für mich digitales Niemandsland – kommuniziert, ist bedauerlich. Auch Cam´s Visitenkarte ist ohne Internetadresse.

Nach einem etwas längerem Googlen, in Wahrheit habe ich die alternative Suchmaschine Metager genutzt, aber heißt das dann „metagernen“ statt googlen, bin ich auf die Seite espressolab.com gestoßen. Das ist ein türkischer Anbieter aus Istanbul, der in der Türkei und einigen anderem Ländern Espressolabs wohl als Franchise-Standorte führt. Auf der Seite gibt es auch ein paar mehr Kaffeesorten, die Nürnberger Angebote habe ich aber nicht gefunden.

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„Gutes Geld“ für gute Bohnen

Ob das Jahr 2018 für Kaffeebauern ein gutes Jahr war, hängt von deren Geschäftsmodell ab. Wer Arabica-Bohnen über die New York Board of Trade (NYBOT) gehandelt hat, musste das Jahr mit einem ordentlichen Minus abhaken. Mit einem Minus von über 15 Prozent und einigen zackigen Ausschlägen nach oben und unten fiel der Kaffeepreis zum Jahreswechsel auf 1,01 US Dollar.

Für Kleinanleger, die sich als Rohstoffspekulanten betätigen, finden sich Fonds, ETFs oder Futures. Oder sie legen sich die Aktien der italienischen Massimo Zanetti Beverages Group (MZBG) ins Depot. Doch die Kaffee-Holding, die insbesondere durch Segafredo und die gleichnamigen Bars bekannt ist, zeigt sich beim Aktienkurs eher als Wertvernichter.

Oikocredit-Gutes Geld on Tour

Ein Gegenmodell, dass nicht den persönlichen Reichtum, sondern die Existenzsicherung von kleinen Kaffeebauern im Blick hat, hat die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit etabliert. Bei ihrer „Gutes Geld on Tour“ hat sie die Arbeit von Fapecafes vorgestellt. Dieser Dachverband bündelt fünf Kaffee-Genossenschaften aus dem Süden des lateinamerikanischen Kaffeeanbaulandes Ecuador. Dahinter stehen über 1200 kleinbäuerliche Betriebe, die mit viel Handarbeit Kaffeebohnen für den Weltmarkt produzieren – und zwar gemäß Fair Trade und in Bio-Qualität.

„Ohne das Geld von Oikocredit könnten viele Familien nicht überleben“, berichtet der Präsident von Fapecafes Arturo Vinicio Martinez Jaramillo, Vinicio genannt. Beim konventionellen Verkauf an globale Zwischen- und Großhändler schneiden die Kaffeebauern wesentlich schlechter ab. Denn sie bekämen ihr Geld für ihre Ernte erst nach Monaten und wüssten bis dahin kaum, wovon sie leben sollen. Also verkaufen sie einen Teil ihrer Ernte an sogenannte „Coyoten“, die zwar sofort bezahlen, allerdings nur einen deutlich schlechteren Preis. Das stürzt manchen Kleinbauern in so große Not, dass er gezwungenermaßen sein Land versilbern muss.

Oikocredit und Fapecafe zu Gast bei der Nürnberger Rösttrommkel mit der „Gutes Geld on Tour“

In dieser Phase kommt Oikokredit ins Spiel. Die vielen kleinen Kaffeeproduzenten können ihren Rohkaffee an Fapecafes zu „einem deutlich besseren Preis verkaufen“, weil Oikocredit mit einem Überbrückungskredit über die Runden hilft. Als Sicherheit für den Kredit über rund eine Million Dollar wird der Rohkaffee akzeptiert. Banken vor Ort würden zwar auch Geld geben, aber nur zu einem deutlich höheren Zinssatz. Außerdem müsste Vinicio persönlich für den Betrag mit seinem privaten Hab und Gut bürgen. „Das ist unmöglich“, stellt er klar.

Absicherung des Erntepreises

Die finanzielle Absicherung durch Oikocredit erlaubt es, nicht an den erstbesten Händler zu Weltmarktpreisen zu verkaufen. Stattdessen handelt Fapecafes bereits zu Jahresanfang einen Festpreis für die Ernte aus. Dadurch sind sie auch vor Spekulationswellen geschützt, die den Preis in die eine oder andere Richtung treiben wollen. Die Kooperative hat im Jahr 2017 80 Prozent ihrer Ernte überwiegend nach Europa und in die USA exportiert, das waren rund 6500 Zentner. Gerechnet wird übrigens in amerikanischen Pfund, abgekürzt: lb. Ein amerikanisches Pfund entspricht 0,453592 kg.

Mit dem höher erzielten Preis werden verschiedene Projekte finanziert. So greift die Kooperative mit ihrem Sozialfonds etwa Bauern unter die Arme, die durch einen Unfall nicht arbeiten können. Außerdem wird viel in Bildung und Weiterbildung investiert. Da geht es dann beispielsweise darum, einen Bio-Dünger in Eigenregie herzustellen statt auf chemische Keulen zu setzen. Oder um die Vorteile, statt mit Monokulturen mit der natürlichen Vegetation zu arbeiten, also etwa neben Kaffeesträuchern auch größere Bananenbäume als zusätzliche Erwerbsquelle mit Bio-Bananenchips zu kultivieren. Gleichzeitig wird der Nutzen der alles überragenden Urwaldriesen verdeutlicht, die den Kaffeepflanzen Schatten spenden und bei Regen den Boden vor Erosion schützen.

Gerade für die Jugendlichen seien Schulungen zu Kaffeequalität, Produktivität und Marketing besonders wichtig, um ihnen eine berufliche Perspektive zu geben. Ansonsten drohe – wie überall auf der Welt – eine Landflucht hin in die großen Städte.

Joachim Pietzcker, Geschäftsführer von Oikocredit Bayern, will mit bei der Tour `Gutes Geld´ zeigen, dass man bei Kapitalanlagen unterschiedlich vorgehen kann. „Wir bei Oikocredit investieren in Menschen.“ Ziel ist es, in der Realwirtschaft die Lebenschancen von Menschen insbesondere im „globalen Süden“ zu verbessern. Unterstützer können über eine Mitgliedschaft bei der Genossenschaft ihr Geld investieren. Als Gewinn winke in erste Linie eine „soziale Rendite“, darüber hinaus betrug die finanzielle Rendite z.B. im Jahr 2017 ein Prozent.

Bei der Veranstaltung zeigt der oberste Kaffee-Verkoster und Qualitätskontrolleur von Fapecafes, José Hernesto Apolo Espinoza, wie man den Genuss am Kaffee beurteilt. Er lässt die Gäste am Kaffeemehl schnuppern und aufgebrühten Kaffee probieren und berichtet über die gut 400 Aromen, mit denen der Geschmack begeistert werden kann.

José Hernesto Apolo Espinoza, oberster Kaffee-Verkoster und Qualitätskontrolleur von Fapecafes, bereitet das Cupping vor.

 

Kaffee-Verkoster José Hernesto Apolo Espinoza at work.

 

Überzeugt vom eigenen Produkt: Vinicio, eigentlich Arturo Vinicio Martinez Jaramillo, der Präsident von Fapecafes (li.) und der oberste Kaffee-Verkoster José Hernesto Apolo Espinoza.

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Lotterie beim Espresso bestellen

Beim Espresso bestellen überkommt mich manchmal ein mulmiges Gefühl. Da meine ich dann, vom Gesicht des Anderen abzulesen, dass ich nur einen kleinen Kaffee will. Ein echtes Negativ-Highlight war ein zweiter Aufguss bei einer italienischen Espressobar an einer deutschen Autobahn.

Aber selbst beim Besuch von Röstereien ist man vor Unglück nicht gefeit. Manche arbeiten mit ganz neuen Kräften, die noch nicht ordentlich eingearbeitet sind. Das äußert sich in einer ordentlichen Wuselei, wenn zu den sechs Gästen im Raum weitere drei sich an der Bar anstellen. Dann bricht der Betrieb zusammen. Allerdings: Manche führen ihren Betrieb auch so gut, dass jeder Espresso oder Cappuccino immer akkurat serviert wird.

Pech in Speyer

Die Kaffeerösterei Schramm in Speyer

Pech habe ich wahrscheinlich auch beim Kaffeeröster Schramm in Speyer gehabt. Nach dem Besuch des Doms ging es schnurstracks durch die Altstadt zum Schramm. Dort wurde der Santo Cielo ausgeschenkt, der in Schramms Shop als vollmundiger, mittelkräftiger Espresso beschrieben wird. Noch dazu mit „sehr guter Crema“. Umso größer war die Enttäuschung, als ein dunkles belangloses Getränk gebracht wurde.

Pech gehabt bei der Zubereitung

Trotzdem habe ich die Dame gefragt, welchen Espresso sie mir zum Mitnehmen empfehlen würde. Und siehe da, es war der Santo Cielo. Da habe ich abgewunken: „Den hatte ich gerade, der war nicht so toll.“ Da entgegnet sie mir, dass habe sie schon selbst gemerkt, als der Espresso viel zu schnell durchgelaufen ist (!!!). Sie hat mir dann noch mal einen neuen gemacht, der tatsächlich in Ordnung war.

Der Santo Cielo kann durchaus mit etwas Mühe besser ausschauen.

 

Sind Espressotrinker blöd?

Was bleibt ist über Schramm hinaus die Frage: Sind Espressotrinker blöd? Es kommt immer wieder vor, dass ich einen zweiten Espresso bestelle, wenn man in der Tasse Potenzial entdeckt. Dann frage ich nach einer Variante „mit Liebe gemacht und mehr Crema“, die es dann oftmals auch gibt. Das heißt unterm Strich: Es mangelt nicht immer am Können, sondern an der Lust, einen ordentlichen Espresso zuzubereiten. Das allerdings ist ein beklagenswertes Manko.

Ich habe mir trotzdem ein paar Päckchen von Schramms Espresso mitgenommen, um ihn zu Haus zu probieren. Der Santo Cielo ist mit einer doppelten 4 für Geschmack und Crema ziemlich gut aus meiner Maschine gekommen. Noch besser war der Bio-Espresso Regenwald. Der kam satt und dunkel-cremamäßig in die Tasse und punktet zweimal mit 5 Punkten in meinem Ranking. Schramm beschreibt den Regenwald Espresso als „unglaubliche Fülle würziger, unvergleichlicher `wilder´ Aromen“. Laut Beschreibung stammt der weltweit einzige Wildkaffee aus den letzten Bergregenwäldern der uralten Region Kaffa im Ursprungsland des Kaffees Äthiopien.

 

Blick in Schramms Sortiment

 

Das habe ich daheim mit mehr Erfolg probiert.

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Nicht nur Teatime in Irland (I)

Wer sich für zwei oder drei Wochen nach Irland zur Rundreise aufmacht, sollte sich schon einmal auf Tee bis zum Abwinken einstellen. Mit dieser mentalen Selbst-Kasteiung habe ich Irland gebucht. Doch wie so häufig im Leben belehrt einen die Realität eines Anderen – in diesem Fall sogar eines Besseren. Lassen wir mal die Kaffee-Angebote von Hotels und B&Bs außen vor – quer durch die irische Republik stößt man auf ziemlich ordentlichen Espresso.

Dublin

Den ersten Espresso bekomme ich im Avoca in der Suffolk Street. Das Laden- und Gastro-Konzept der marketingstarken Weberei in dem Örtchen Avoca war mir bis dato unbekannt. Wer aber im irischen Nationalpark die Wicklow Mountains besucht und einen Abstecher in der Weberei macht, kommt voll auf seine Kosten. Die Manufaktur kann im laufenden Betrieb besichtigt werden. Beim benachbarten Shop ist man so von der Haptik und den Farben begeistert, dass man ohne Einkauf quasi fast herauskommt.

Avoca-Cafe in der Suffolk Street

 

Espresso im Avoca

 

Schönes Ambiente mit einer interessanten Stuhl-Ansammlung

Aber zurück nach Dublin: Das Avoca-Cafe im dritten Stock über dem Laden kann sich sehen lassen. Service top, eine anregende Einrichtung und einen Espresso der mit einer 4er-Crema serviert wird. Die Bohnen sind hart und dunkel geröstet und bekommen ebenfalls 4 Punkte, weil die Bohnen nicht verbrannt sind.

Mit den Craft Coffee Roasters hatte ich eine Rösterei gefunden, die schon fast zum Schwärmen verleitet. Leider haben sie nur einen Facebook-Account, auf den ich als Abstinenzler keinen Zugriff habe. Ansonsten findet man Infos dazu bei Tripadvisor. Der Espresso mit einer 4er Crema bekommt auch für die Bohnen 4 von 5 Punkten. Er hinterlässt einen weichen und runden, säurearmen Geschmack im Mund.

Den Weg hierhin habe ich übrigens über den Independent Ireland Coffee Guide gefunden. Das 10 Euro-Druckwerk gibt zwar einen kompakten Überblick, allerdings habe ich die Logik zwischen Cafes und Röster nicht verstanden. Das Ergebnis: Manche Röster, die nur unter Cafes geführt werden, habe ich schlicht übersehen.

Bei der Rösterei 9th Degree Coffee Roasters (Portal: Dublintown) ist das Ambiente zwar ganz schön, der Espresso, der mir serviert wurde, kam bei der Crema nur auf 2 Punkte, geschmacklich waren 3 von 5 Punkte drin.

Das Cafe Kaph ist ein Kleinod. Leider sind die dortigen Bohnen nur Auftragsröstungen fürs Haus. Aber immerhin: Die Crema hat stattliche 4 Punkte verdient, für den Geschmack gab es 3 Punkte.

 

Eine echte Überraschung war der Espresso in der Riesenbrauerei Guinness. Erster Glücksfall war, dass es nur ein kleines Gedränge war, weil wohl die Hauptsaison schon vorbei war. Zweiter Glücksfall war meine Reiseausrüstung. Angesichts der vielen ToGo-Pappbecher, die allerorts präsent sind und teils das Porzellan komplett ersetzen, findet sich in meiner Reisetasche eine einsatzbereite Espressotasse. Die wurde mir hier aber auch an anderen Orten problemlos befüllt. Der Guinness-Espresso brachte es bei der Crema auf 4 Punkte, geschmacklich solide mit 3 Punkten.

Brauerei-Audioguide weg und Espresso in mitgebrachtem Porzellan – ohne Untertasse – probiert

Bewusstseinserweiterung in der Kaffee-Fabrik

Beim Espressobestellen an der Bar der Braunschweiger Kaffee-Fabrik gibt es die Qual der Wahl. Etwas Robustes oder etwas Fruchtiges wird gefragt und fast schon reflexartig winke ich bei dem Thema Frucht ab. Frucht ist bei vielen Röstern eine Art Tarnname für saures Getränk. Als ich meine Bedenken äußere, schaltet sich Michael Jäger, Röster und Chef, in die Diskussion ein.

Er empfiehlt mir einen Blaubeeren-Espresso, der tatsächlich nach Frucht und nicht nach Säure schmeckt. Ich soll einen Doppio wählen und je einen Schluck heiß, mittel und lau trinken. Das werde für eine „Bewusstseinserweiterung“ führen. Ich bestelle einen, natürlich ungläubig, aber gut – man kann immer schlauer werden.

Bewusstseinserweiterung in der Tasse

Tatsächlich ist von „sauer“ nicht viel zu schmecken, dafür aber von einer Frucht, die dominanter wird, je kälter der Espresso wird. Die laue Version schmeckt tatsächlich schon wie ein Beerensaft. Das habe ich tatsächlich noch nie gehabt.

Es handelt sich dabei um den Espresso Intenso Due Nicaragua Blueberry Candy Microlot Nr. 93. Es handelt sich um die Varietät Red Catuai, die bei konstanten Temperaturen von 21 Grad wachsen und von Hand geerntet werden. Die gesamte Ernte im Januar 2017 habe gerade mal 20 Säcke á 69 kg betragen, 20 Säcke davon hat sich die Kaffee-Fabrik gesichert. Jäger schwärmt von „einer limitierter Rarität mit einem absolut einzigartigen Aromaprofil“.

So kommt der Espresso Intenso Due Nicaragua Blueberry Candy Microlot Nr. 93 in der Tasse daher und sorgt für Bewusstseinserweiterung

Solide Variante

Der zweite Espresso ist ein „Espresso Forte“, ein Blend aus Brasilien, Indien und Robusta aus Guatemala. Die Crema kommt tatsächlich fein und kräftig daher und ist vier von fünf Punkten auf meiner Skala wert. Der Geschmack ist rund und erdig, liegt bei mir aber eher im mittleren Bereich, als 3 von 5 Punkten.

Von Forte Espresso habe ich mir ein Kilo mitgenommen, das Blueberry Candy Microlot habe ich leider stehenlassen. Die Forte-Crema habe ich auchgefühlt in gleicher Qualität hinbekommen, auch wenn ich längst nicht so penibel zubereite, wie es die Kaffee-Fabrik tut.

Der Espresso Forte der Kaffee-Fabrik

Präzision der Zubereitung

Das Wasser mache viel aus, ansonsten notiert Jäger auch seine strenge Anleitung zur Zubereitung. Das ist für ein Röster-Cafe quasi auch unumgänglich, für den Heimbetrieb halte ich es für unnötig. Weder gehe ich penibel mit dem Kaffeemehl im Gramm um, noch bei der Wassermenge. Tendenziell liege ich eher im Ristretto-Bereich. Trotzdem für mich ein interessanter Ort, das eine oder andere auch in Zukunft dort zu entdecken und vielleicht eine weitere Bewusstseinserweiterung zu erfahren.

Strenge Anleitung für die präzise Zubereitung

Die Kaffee-Fabrik in Braunschweig

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Schock im Blauen Haus

Glück ist wohl etwas anderes. Als ich endlich mal nach Schwabach zum Blauen Haus Kaffee war auf einen Blick klar, dass der Zeitpunkt ganz blöd war. Denn in dem Röster-Cafe im historischen Teil der Goldschlägerstadt stand die Espressomaschine auf dem Fußboden, es wurde fleißig gewerkelt. Das hatte bitte Konsequenzen: An Kaffee gab es entweder eine Brühversion oder die nostalgische Variante aus einer Bialetti. Bialetti erschien als kleineres Übel, aber richtig froh bin ich damit auch nicht geworden.

In der Altstadt der Goldschlägerstadt Schwabach

 

Erst auf dem Boden, dann wird auf der Theke die Marzocco installliert – noch geht nix

Über den Wert der Crema

Dafür allerdings ließ sich doch interessant fachsimpeln über die Frage, ob die Crema auf dem Espresso überbewertet ist oder doch ein wichtiger Teil des Genusses. Ich bleibe dabei: Es ist sogar ein Indiz für die Qualität, die in der Espressotasse serviert wird – für Robusta-Bohnen sowieso, aber auch bei den Arabica-Verwandten. Allerdings scheint es so, als würde ich mich mit dieser Einschätzung auf dem absteigenden Ast befinden. So werde bei internationalen Verköstigungen schon mal die Crema als bitter-störender Zusatz vor dem Probieren einfach weggelöffelt.

Zum Trost habe ich mit Bohnen gekauft, Äthiopien Aricha leider nur im 250 Gramm-Beutel, statt 500 Gramm oder Kilosack. Das treibt am Ende des Gebrauchs meinen persönlichen Müllberg weiter in die Höhe. Das Aroma von Äthiopien Aricha wird auf der Packung mit Waldbeeren, Heidelbeeren, Steinobst und saftig beschrieben. In der Tat: Nachdem meine Mühle passend eingestellt ist, bekomme ich einen guten Espresso. Angenehm fruchtig mit feiner – keiner sauren – Säure, darunter aber noch überraschend viel Körper. Dafür gebe ich vier von fünf Punkte, für die Crema drei von fünf Punkten. Sie hat ein mittleres Braun, ist fein und stabil.

Extra-Infos

Hilfreich finde ich übrigens auch das Etikett der Bohnen von Schwabachs erster Röstmanufaktur Blaues Haus Kaffee. Sie informieren knapp aber immerhin über die alten äthiopischen Varietäten aus der Region Yirgacheffe (oder auch Yirga Cheffe) im Südwesten des Kaffeelandes (Yirhacheffe, Aricha, 1900m – 2100m), naturell aufbereitet.

Die Röstung Äthiopien Aricha gabs leider nur im 250 Gramm-Beutel

 

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